Das Ringen um Gerechtigkeit im postkolonialen Kontext

In den vergangenen Jahren hat die Aufmerksamkeit für die Auswirkungen kolonialer Gewalt deutlich zugenommen. Fragen nach Wiedergutmachung, Wegen zu Gerechtigkeit oder der Hinweis auf immer noch virulente Denkmuster und deren Folgen sind nicht nur für die Forschung zur Bearbeitung von Konflikten und Gewaltgeschichte von Interesse, sondern auch für unsere heutigen Gesellschaften relevant. PRIF widmete seine Jahreskonferenz 2025 diesen Themen und lud internationale Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen, Kunstschaffende, Aktivist*innen und Vertreter*innen der politischen Bildungsarbeit ein, um fachübergreifend dekoloniale Ansätze und Möglichkeiten zur Schaffung postkolonialer Gerechtigkeit zu diskutieren.
Koloniale Erzählungen und eurozentrische Perspektiven finden sich nach wie vor in Wissenschaft, Politik, Medien und im Alltag wieder. Stereotype, koloniale Denkmuster, Gesetze, Symbole und Praktiken sind mehr oder weniger subtil präsent und zeigen, dass der Kolonialismus und seine Folgen noch lange nicht überwunden sind.
In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Bewegungen auf nationaler, regionaler und transnationaler Ebene, die koloniale Gewalt und deren anhaltende Auswirkungen sichtbar machen und überwinden wollen.
Die Forderung nach Gerechtigkeit umfasst viele Bereiche und schlägt sich im Ruf nach vielfältigen Möglichkeiten der Wiedergutmachung kolonialen Unrechts nieder: Rückgabe geraubter Kunstwerke oder menschlicher Überreste, gerechter Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen, politische Teilhabe betroffener Gruppen oder die Anerkennung historischen Leids. Rechtliche Mittel können Instrumente sein, stoßen aber oft an Grenzen. Finanzielle Entschädigungen oder Restitutionen können Zeichen setzen, vermögen aber erlittenes Unrecht, Leid und fortbestehende Ungerechtigkeiten nicht vollständig zu beseitigen.
Die Forderung nach Gerechtigkeit geht über Wiedergutmachungen heraus. Bemühungen um Dekolonialisierung verlangen tiefgreifende Änderungen. Koloniale Denkmuster scheinen in (post-)kolonialen und Siedlerstaaten verankert zu sein. Hier warten Herausforderungen für alle Beteiligten, ja, für die ganze Gesellschaft. Betroffene Gruppen müssen sich von einer Opferrolle lösen und die Hoheit über die eigene Geschichte zurückerobern, während sich Gesellschaften von selbstverständlicher Überlegenheit und gedankenloser Überheblichkeit verabschieden müssen. Die tiefen kolonialen Verflechtungen, die Auswirkungen auf heutige Machtstrukturen sichtbar zu machen, erfordert Anstrengungen auf vielen Handlungsebenen und ist ein Generationenprojekt. Über Wiedergutmachung und Gerechtigkeit nachzudenken, heißt auch, gesellschaftliche Veränderungen anzuerkennen und Verantwortung für koloniale Geschichte zu übernehmen. Die Virulenz kolonialen Erbes und Denkens hat viele Facetten, und Kontroversen über die Wege zu mehr Gerechtigkeit gehören dazu.
PRIF Jahreskonferenz 2025
Die PRIF Jahreskonferenz 2025 wurde von Sabine Mannitz, Caroline Fehl und Jana Baldus in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum „Transformations of Political Violence“ (TraCe) organisiert. Sie wurde gefördert vom Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“. Über 70 Teilnehmende aus Wissenschaft, Kunst und Aktivismus kamen zusammen.


Die zweitägige PRIF-Jahreskonferenz 2025 „Colonial Pasts and Contemporary Search for Justice: Interdisciplinary Perspectives on the Politics of Restitution and Redress for Colonial Violence“ brachte Erfahrungen aus verschiedenen Teilen der Welt mit Perspektiven aus dem Bereich der Transitional Justice und postkolonialen Studien zusammen. In der Keynote, in vier Panels und einem abschließenden Roundtable-Gespräch diskutierten die Teilnehmenden, wie koloniale Vergangenheiten und ihre Kontinuitäten aufgearbeitet und überwunden werden könnten. Dabei thematisierten sie insbesondere, welche institutionellen und politischen Rahmenbedingungen dafür nötig sind und inwiefern die Transitional Justice-Forschung, ein ursprünglich auf die Aufarbeitung von Verbrechen autokratischer Regime fokussiertes Feld, einen konzeptuellen Rahmen für die Analyse und Aufarbeitung von Kolonialunrecht setzen kann. So zeigte Tanja Bührer (Universität Salzburg) in ihrer Keynote, wie Europa Regeln zur Gewaltbegrenzung nur für Europa selbst entwickelte – in den Kolonien aber brutale Gewalt anwandte, oft gerechtfertigt durch angeblichen „zivilisatorischen Fortschritt“. In den Panels wurden weitere Aspekte vertieft, so der unterschiedliche Umgang mit kolonialer Gewalt in postkolonialen Gesellschaften oder die fortbestehende Glorifizierung des Kolonialismus in Ländern wie Großbritannien, nukleare Gerechtigkeit und ihre kolonialen Hintergründe, die juristischen Herausforderungen der rechtlichen Aufarbeitung und Bearbeitung sowie die Dilemmata der Restitution: Wie kann Wiedergutmachung über das bloße Zurückgeben von Objekten hinausgehen? Und wie plausibel ist überhaupt das Konzept des Zurückgebens angesichts veränderter Grenzen und Bevölkerungen?
Die Abschlussrunde widmete sich verschiedenen ethischen und methodischen Fragen. Einen Schwerpunkt bildeten die Herausforderungen für die eigene Forschung. Wie gelingt eine gerechte und faire, gleichberechtigte Forschung mit internationalen Forschungspartner*innen? Welche Fallstricke gibt es und wie können sie umgangen werden? Im Programmbereich Lokale Friedensordnungen am PRIF bemühen sich verschiedene Forschungsprojekte (z.B. Lokale Wahrnehmungen regionaler Interventionen: AU und ECOWAS in Burkina Faso und Gambia) dezidiert um einen kollaborativen Forschungsansatz, der extraktive Forschung vermeidet und Feldforschung, Datenanalyse und Veröffentlichung in gemeinsamen Tandems mit Forschenden gestaltet. Strukturelle Hürden bleiben jedoch bestehen und erschweren gleichberechtigte Formen der Zusammenarbeit.

Am Abend des ersten Konferenztages präsentierte die Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin Aigerim Seitenova ihren Dokumentarfilm „JARA – Radioactive Patriarchy: Women of Qazaqstan“. Darin beleuchtet sie die Geschichte von sechs kasachischen Frauen, die von den Atomtests in der Region Semipalatinsk zu Sowjetzeiten und deren anhaltenden Auswirkungen betroffen waren und sind. Der Film verzichtet auf jede Sensationsmache, präsentiert die Frauen nicht als Opfer, sondern würdigt ihre Handlungsfähigkeit im Kampf gegen nukleare Ungerechtigkeit. „Jara“ dokumentiert, wie die Frauen ihre Hoheit zur Erzählung der Geschichte geltend machen.
Nuklearer Kolonialismus, nukleare Gerechtigkeit und nukleare Gewalt bildeten das Thema eines Panels auf der Konferenz. Diese Form der Gewalt wird bisher kaum im Zusammenhang mit kolonialer Wiedergutmachung betrachtet. Caroline Fehl und Jana Baldus, Mitorganisatorinnen der Jahreskonferenz, präsentierten hier ihren Beitrag „Koloniale Vergangenheit und das Streben nach nuklearer Gerechtigkeit: Umgang mit den Hinterlassenschaften von Atomtests in (post-)kolonialen Kontexten“.
Interview mit Caroline Fehl

Dr. Caroline Fehl ist Senior Researcher im Programmbereich Internationale Sicherheit und leitet zusammen mit Jana Baldus und Sascha Hach das Forschungsprojekt Transitional Justice im Nuklearzeitalter: Rechtliche und politische Aufarbeitung von Nuklearwaffeneinsätzen und -tests.
Was versteht man unter nuklearer Gerechtigkeit?
Im Zusammenhang mit Nuklearwaffen wurde über Jahrzehnte vor allem über Fragen zwischenstaatlicher Gerechtigkeit gesprochen, in erster Linie über die Ungleichheit zwischen anerkannten Nuklearwaffenstaaten und Nichtnuklearwaffenstaaten, die im Atomwaffensperrvertrag verankert ist. Der englische Begriff nuclear justice wird hingegen seit einigen Jahren von Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen in einem ganz anderen Sinn verwendet, nämlich als ein Sammelbegriff für Forderungen nach Aufarbeitung der menschenrechtlichen und Umweltfolgen von Nuklearwaffeneinsätzen und -tests. Vielen ist heute gar nicht mehr bewusst, dass Nuklearwaffen auf unserer Erde schon über 2000 mal explodiert sind – nicht nur bei den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg, sondern auch in Nuklearwaffentests. Diese sogenannten Testexplosionen waren keineswegs harmlos. Insbesondere die bis 1980 durchgeführten überirdischen Tests führten durch radioaktiven „Fallout“ zur anhaltenden Verseuchung weiter Regionen, zur Vertreibung in den Testgebieten ansässiger Bevölkerungsgruppen und zu tausenden oder gar hunderttausenden schweren Erkrankungen und Todesopfern.
Inwieweit hängen nukleare Gerechtigkeit und koloniale Machtverhältnisse zusammen?
Nuklearwaffentests wurden fast ausschließlich in kolonialisierten Gebieten durchgeführt. Betroffen waren zum einen überseeische Kolonien oder ehemalige Kolonien der Nuklearwaffenstaaten (z.B. US-Tests auf den Marshallinseln oder französische Tests in Algerien und Maohi Nui/Französisch-Polynesien) und zum anderen interne Gebiete mit einem hohen Bevölkerungsanteil an ethnischen Minderheiten oder indigenen Gruppen und einer von Siedlerkolonialismus oder imperialistischer Expansion geprägten Geschichte (z.B. Kasachstan in der ehemaligen Sowjetunion, die Xinjiang-Region in China oder das britische Testgebiet in Südaustralien auf Maralinga-Tjarutja-Land).
In welchen Bereichen wird die koloniale Logik sichtbar, wo kommt sie zum Tragen?
Die koloniale Logik zeigt sich vielfältig: in der Wahl der Orte für die unterschiedlichen Testserien, im Umgang mit der dort ansässigen Bevölkerung und ebenfalls im Umgang mit deren späteren Gerechtigkeitsforderungen. Nehmen wir nur das Beispiel der USA: Zu Beginn des amerikanischen Nuklearwaffenprogrammes wurden zahlreiche Tests im Inland durchgeführt (wobei schon der allererste Test, der Trinity-Test, auf indigenem Land stattfand). Nachdem deutlich wurde, dass der Fallout dieser Tests zur Gesundheitsgefahr für die gesamten USA wurde, verlegte man die – immer größer werdenden – Tests auf die Marshallinseln. Die USA hatten für diese Inselgruppe – ehemals eine deutsche Kolonie, dann eine japanische – nach 1945 eine offizielle UN-Treuhandschaft übernommen! Die marshallesische Bevölkerung wurde zum Teil aus ihrer Heimat „evakuiert“, zum Teil ohne Schutz und Vorwarnung gelassen. Die infolge der Tests massenhaft auftretenden Erkrankungen und Todesfälle nutzte das US-Militär für Studien zur Abschätzung der Wirkung von Nuklearwaffeneinsätzen. Die radioaktiven Trümmer der Tests wurden von US-Soldaten notdürftig unter einem Beton-Dom verschlossen, der heute undicht ist und vom drohenden Anstieg des Meeresspiegels weiter gefährdet wird. Als Entschädigung für das erfahrene Leid sagten die USA im Zuge der Verhandlungen über die Unabhängigkeit der Republik der Marshallinseln in den 1980er Jahren lediglich eine Einmalzahlung von 150 Millionen US-Dollar zu. Für die US-amerikanischen Testopfer wurde hingegen in den 1990er Jahren ein viel umfangreicheres Entschädigungspaket verabschiedet. Bei der eigenen Bevölkerung hat sich die US-Regierung für die Testfolgen entschuldigt, bei den Marshalles*innen bis heute nicht.
Wie kann man nukleare Gerechtigkeit voranbringen? Was wurde bisher erreicht?
So mager die US-Entschädigung für die Marshallinseln gewesen ist, zählt sie noch zu den umfangreicheren Entschädigungsprogrammen. Neben den USA hat nur Frankreich ein Entschädigungsprogramm, von dem Betroffene aus Algerien bisher allerdings kaum profitieren konnten, unter anderem wegen hoher bürokratischer Hürden. Die Sowjetunion und ihr Nachfolger Russland sowie China haben die betroffene lokale Bevölkerung gar nicht unterstützt, aber auch Großbritannien hat sich kaum engagiert. Es geht dabei aber keineswegs nur um finanzielle Zahlungen an die vielfach in Armut lebenden Betroffenen, sondern auch um ihre Gesundheitsversorgung, um die Anerkennung ihres Leids und um Wahrheitsfindung: alle Nuklearwaffenstaaten leugnen immer noch ganz oder teilweise die gesundheitlichen und menschenrechtlichen Folgen ihrer Testpraxis. Eine Entschuldigung haben bislang nur betroffene US-Bürger*innen erhalten. Auch in der Umweltsanierung betroffener Gebiete gibt es viel Nachholbedarf. Mit all diesen Themen setzen sich zunehmend auch internationale Organisationen auseinander, etwa der UN-Menschenrechtsrat. Deutschland kann und sollte sich hier einbringen, um das Thema auf der Agenda zu halten und die Finanzierung für die Opferhilfe zu sichern. Auch wenn wir selbst keine Nuklearwaffen getestet haben, sind wir als Profiteure des US-Nuklearschirms indirekt mitverantwortlich.

Nuklearwaffen scheinen gerade eine Renaissance zu erleben. Ist jetzt mit einem Backlash zu rechnen?
Ja, der Backlash droht das Thema aktuell ganz zu verdrängen. In Deutschland können wir sehen, dass das Thema Nuclear Justice unter der Ampelregierung aufgenommen und auch in internationalen Foren angesprochen wurde, die Bundesregierung signalisierte Interesse an einer finanziellen Beteiligung an der Opferhilfe und zog Expert*innen zu Rate. Unter der neuen Regierung wird diese Initiative aber nicht weiterverfolgt. Stattdessen stehen im Fokus der medialen und politischen Debatte geschichtsvergessene Forderungen nach deutschen Atomwaffen. Diese Diskussion wird in einem nach meinem Empfinden oft unerträglichen Ton geführt, der nukleare Abschreckung glorifiziert, ohne ihre Schattenseiten – wie eben das durch Nuklearwaffen bereits vielfach verursachte Leid – auch nur ansatzweise zu beleuchten. (kha)