Der Umgang mit Gewalt an getroffenen Orten

Extremismus, Radikalisierung und sozialer Zusammenhalt gehören zu den Querschnittsthemen der Forschung am PRIF. Das Transferprojekt RADIS, dessen reguläre Förderphase 2025 endete, begleitete seit Herbst 2020 ein bundesweites Netzwerk aus Forschungsprojekten, die sich mit unterschiedlichen Facetten von Islamismus auseinandersetzten. Ein Schwerpunkt von RADIS war der Transfer der Erkenntnisse in Politik, Praxis und Öffentlichkeit. Die RADIS-Webtalkreihe war hier ein erfolgreiches und beliebtes Format. Im November 2025 startete die Reihe in die dritte Runde. Im Mittelpunkt standen diesmal gezielt Orte, Personen und Communities, die von extremistischen und rassistischen Anschlägen betroffen sind. Damit knüpfte die Reihe an aktuelle gesellschaftliche Debatten an und richtete den Blick auf die Folgen extremistischer und rassistischer Gewalt jenseits des unmittelbaren Tatgeschehens.
Das Jahr 2024 rückte die gesellschaftlichen Folgen extremistischer Gewalt in den Fokus: zwei durchgeführte dschihadistische Anschläge in Mannheim und Solingen, bei denen vier Menschen starben und mehrere verletzt wurden, sowie offiziell fünf von den Sicherheitsbehörden vereitelte dschihadistische Anschläge. Diese Anschläge forderten Menschenleben, erschütterten das Sicherheitsgefühl vieler Menschen nachhaltig und lösten intensive nationale Debatten aus. Fragen von Migration, innerer Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt gerieten dabei erneut in den Mittelpunkt zunehmend polarisierter öffentlicher Auseinandersetzungen. Diese Debatten wurden häufig emotional und zugespitzt geführt und nicht selten von rechtspopulistischen Akteuren instrumentalisiert, um Stimmung gegen marginalisierte Gruppen zu machen und die gesellschaftliche Spaltung voranzutreiben.
Der Blick auf die jüngere Gewaltgeschichte in Deutschland und darüber hinaus zeigt zudem, dass nicht allein islamistische Gewalt eine zentrale Herausforderung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft darstellt. Auch rechtsextreme, rassistische und antisemitische Anschläge verdeutlichen, wie tief menschenfeindliches Gedankengut in das gesellschaftliche Gefüge eingreift, die Sicherheit Einzelner und das Zusammenleben Aller gefährdet und das Vertrauen in demokratische Grundstrukturen bedrohen kann. Solche Gewalttaten wirken dabei weit über das unmittelbare Tatmoment hinaus: Insbesondere in der Zeit nach Anschlägen kann sich Polarisierung entfalten, welche wiederum Radikalisierung und Menschenfeindlichkeit begünstigt. Von extremistischer Gewalt betroffene Orte sind daher nicht nur Schauplätze des Geschehens, sondern werden in der Folge zu besonders vulnerablen sozialen Räumen, in welchen Nährböden für menschenfeindliche Ideologien entstehen, sichere Räume für Minderheiten schrumpfen und Empathielosigkeit begünstigt wird.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Gewalttaten mit diffuser oder uneindeutiger Motivlage, wie etwa beim Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024. Aufgrund des Migrationshintergrunds des Täters wurden unmittelbar nach dem Anschlag Vermutungen über ein mögliches islamistisches Motiv laut. Zeitgleich wurde bekannt, dass sich der Mann in islamfeindlichen und verschwörungsideologischen Online-Foren bewegte, ohne dabei einer organisierten rechtsextremen Gruppierung anzugehören. Gerade solche Taten, die sich nicht eindeutig einem etablierten extremistischen Milieu zuordnen lassen, eröffnen Deutungs- und Instrumentalisierungsräume für politische und ideologische Akteure. In der Folge des Anschlags kam es zu einer Zunahme rechtsextremer Übergriffe und Gewalttaten gegen migrantisch gelesene Personen. Gleichzeitig griffen salafistische und andere islamistische Akteure das Ereignis auf, um es zur Legitimation ihrer jeweiligen Narrative zu nutzen und zur Abkehr gegen die vermeintlich islamfeindliche Mehrheitsgesellschaft aufzurufen.
Projekte
RADIS begleitet und unterstützt 12 Forschungsprojekte der BMFTR-Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“. Die Projekte erforschen unter anderem die Ursachen von Radikalisierung, hilfreiche Präventionsstrategien und die Auswirkungen von Islamismus auf die Gesellschaft und die damit verbundenen Diskurse.
Diese Dynamiken, und damit verknüpft auch das Protestgeschehen und der steigende Antisemitismus in Deutschland, die Rolle der Medien sowie Gaming-Räume als radikalisierungsfördernde Strukturen waren Themen einer Webtalkreihe im Frühjahr 2025 . Daran knüpfte eine weitere Reihe im November an und richtete den Blick auf das „Danach“, also auf die betroffenen Orte und Communities.
Im Zentrum standen der Austausch und Transfer, vor allem zwischen Wissenschaft und Praxis. So wurden bis dato unterrepräsentierte, aber essenziell wichtige Themen wie Erinnerungskultur, Unterstützung von Betroffenen, Umgang mit Traumata sowie die Rolle von Medien nach extremistischen Gewalttaten beleuchtet. Damit verbunden war die Frage, wie Gesellschaften mit ideologischer Gewalt, Verunsicherung und Spaltung umgehen und zugleich Resilienz und Zusammenhalt stärken können: Dies ist nur mit einem holistisch gedachten und interdisziplinären Ansatz realisierbar. Dazu hat die Webtalkreihe einen Beitrag geleistet, indem sie eine vielfältige Teilnehmer*innenschaft aus kommunalen Akteuren, Vereinen, Bildungsinitiativen und Sicherheitsbehörden zusammengebracht und den Austausch von Ideen und Ansätzen zum Umgang mit Gewalt an „Betroffenen Orten“ ermöglicht hat.
RADIS Webtalkreihen
Die erste Webtalkreihe startete 2023 mit Fokus auf die Rolle von Schulen im Kontext von Radikalisierung und Prävention. Der Austausch zwischen Forschung und präventiver Praxis zu aktuellen Herausforderungen, Möglichkeiten und Bedarfen im schulischen Alltag zielte darauf ab, praxisnahe Erkenntnisse zu vermitteln, den Dialog zu stärken und Impulse für eine wirksame Präventionsarbeit zu geben.
Im Mittelpunkt der zweiten Reihe stand der Wandel von islamistischen Szenen und Strukturen. Dabei wurde beleuchtet, wie sich islamistische Akteur*innen zwischen digitalen Räumen und analogen Kontexten bewegen und welche Folgen sich daraus für Präventionsarbeit und Zivilgesellschaft ergeben. Auch Geschlechterverhältnisse und Faktoren wie Einsamkeit in Radikalisierungsprozessen wurden thematisiert. Die Reihe verband wissenschaftliche Perspektiven mit zivilgesellschaftlicher und praxisnaher Expertise.
Alle Themen und weitere Infos zur Webtalkreihe „Getroffene Orte – Lokale Strategien im Umgang mit islamistischer und rassistischer Gewalt“ sind online verfügbar.
Interview mit Sina Tultschinetski

Sina Tultschinetski leitet zusammen mit Prof. Dr. Julian Junk das Transferprojekt RADIS im Programmbereich Transnationale Politik am PRIF. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Extremismus und Radikalisierung in Deutschland und Europa.
Die erste Förderphase von RADIS endet, die Bewerbung auf eine zweite Phase läuft, der Output in den letzten fünf Jahren war enorm: Ringvorlesungen, Blogserien, Fachtagungen und -gespräche, eine Transfertagung, Videos, Handreichungen, der Sammelband „Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung“ und natürlich die Webtalkreihe. Jetzt ist es Zeit, zurückzublicken und auch einen Blick nach vorne zu wagen. Sina Tultschinetski gibt Einblicke in den „Maschinenraum“ des Projektverbunds und erläutert, welche inhaltlichen Schwerpunkte, Herausforderungen und Perspektiven die Arbeit von RADIS aktuell prägen.
Welche thematischen Schwerpunkte standen 2025 im Zentrum von RADIS und welche inhaltlichen Verschiebungen haben sich in den letzten fünf Jahren ergeben?
Im vergangenen Jahr haben wir bei RADIS eine deutliche Verschiebung des gesellschaftlichen Klimas wahr- und in den Blick genommen. Seit dem 07. Oktober 2023, also dem Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel, und dem darauffolgenden Krieg in Gaza beobachten wir einen Anstieg antisemitischer Ressentiments und Straftaten, nicht nur, aber auch aus islamistischen Szenen. Besonders auffällig ist dabei, wie islamistische Prediger mit großer Reichweite und hoher Anschlussfähigkeit an den gesellschaftlichen Mainstream das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung instrumentalisieren, um antisemitische Narrative zu verbreiten. Dadurch entsteht ein erheblicher Positionierungsdruck, was Polarisierungsdynamiken weiter befeuert. Die Welt wird – häufig unter Rückgriff auf antisemitische Verschwörungstheorien – in scheinbar eindeutig dichotome Lager eingeteilt. Eine solche Polarisierung zeigt sich auch in einer ganzen Reihe als islamistisch eingestufter Straftaten, Anschläge und Anschlagsversuche im deutschsprachigen Raum und international. In der Folge nahmen sowohl antisemitische als auch rassistische und antimuslimische Deutungen weiter zu. Über die vergangenen fünf Jahre hinweg sehen wir zudem inhaltliche Verschiebungen in Radikalisierungsprozessen selbst: Radikalisierung betrifft zunehmend jüngere Altersgruppen und verlagert sich stärker in digitale Räume. Plattformen wie TikTok, aber auch alternative soziale Kommunikationsräume wie gamingnahe Plattformen spielen eine wachsende Rolle für Ideologisierung und die schnelle Verbreitung extremistischer Narrative.
Zu welchen thematischen Fokussierungen oder Verlagerungen führten diese Verschiebungen bei RADIS?
Bei uns haben diese Entwicklungen zu einer stärkeren Fokussierung auf die gesellschaftlichen Folgen extremistischer Anschläge geführt – insbesondere mit Blick auf die soziokulturellen Räume und die Menschen, die unmittelbar betroffen sind. Für viele rücken zunächst vor allem die gesellschaftspolitischen Debatten in den Vordergrund, die nach solchen Taten entstehen und sich in medialer Berichterstattung und im öffentlichen Diskurs widerspiegeln. Wenn diese meist kurzfristige Phase hoher Aufmerksamkeit abebbt, geraten die langfristigen Wirkungen häufig aus dem Blick. Dabei wirken Anschläge tief in die Biografien der betroffenen Personen, Familien und in die Communities hinein. Sie verändern auch die sozialen Gefüge der Orte, an denen sie stattgefunden haben. Selbstorganisierte Zusammenschlüsse und Opferinitiativen – wie etwa die „Initiative 19. Februar“ – spielen hier eine wichtige Rolle: Sie ermöglichen Verarbeitung, verschaffen Betroffenen Gehör und tragen zur Stabilisierung und Stärkung der erschütterten Communities bei. Diese Perspektive hat in unserer bisherigen Arbeit vergleichsweise wenig Raum eingenommen. Der Fokus lag lange stärker auf wissenschaftlichen Diskursen, gesellschaftspolitischen Einordnungen sowie auf Präventions- und Interventionsansätzen. Künftig erscheint es uns jedoch ebenso wichtig, mehr nach dem „Danach“ zu fragen: Was passiert nach einem Anschlag – und wie wirken diese Erfahrungen in die Gesellschaft hinein, sowohl in die unmittelbar betroffenen Räume als auch darüber hinaus?

“Radikalisierung betrifft zunehmend jüngere Altersgruppen und verlagert sich stärker in digitale Räume. Plattformen wie TikTok, aber auch alternative soziale Kommunikationsräume wie gamingnahe Plattformen spielen eine wachsende Rolle für Ideologisierung und die schnelle Verbreitung extremistischer Narrative.”
Wagen wir einen Blick in die Glaskugel: Wohin könnte sich RADIS (oder im Großen: die Islamismusforschung) entwickeln und welche inhaltlichen Schwerpunkte zeichnen sich für die kommenden Jahre ab? Insbesondere im Lichte des Auslaufens der aktuellen Förderlinie und der Ausschreibung der neuen Förderlinie, welche sich gerade im Auswahlprozess befindet?
Natürlich ist eine eindeutige Prognose in einem so dynamischen Feld kaum möglich. Mit entsprechender Vorsicht scheint sich aber doch die eine oder andere Entwicklung abzuzeichnen, die sich auch aus den Erkenntnissen der Forschungsgruppe Radikalisierung, Terrorismus und Extremismusprävention am PRIF und des RADIS-Forschungsnetzwerks ableiten lassen:
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Die Forschung wird sich mutmaßlich weiterhin intensiv mit den Schnittstellen zwischen Islamismus und der Aneignung durch unterschiedliche Subkulturen befassen. Insbesondere Bereiche wie Gaming, Sport und die Nutzung popkultureller Online-Formate rücken verstärkt in den Fokus islamistischer Missionierung, um eigene Inhalte zu normalisieren und sie anschlussfähig an den gesellschaftlichen Mainstream zu machen. Gerade in subkulturellen Räumen kommt oft codierter Sprachgebrauch zum Einsatz. Prävention muss hier entsprechend ansetzen: Präventionsakteure stehen vor der Aufgabe, subkulturelle Codes und Praktiken zu verstehen, zu adaptieren und sich in diesen Räumen glaubwürdig und „natürlich“ bewegen zu können. Hierzu wird es Forschungserkenntnisse brauchen.
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Damit verbunden beobachten wir Prozesse und Ambiguitäten, die altbekannte Gewissheiten über Dynamiken und ideologische Leitlinien aufweichen und neue phänomenübergreifende Allianzen entstehen lassen. Dabei wird erkennbar, dass eigentlich als klar erachtete ideologische Trennlinien aufgeweicht werden. Das wiederum ermöglicht neue feindbildorientierte Schulterschlüsse. Insbesondere Modernität und Progressivität werden abgelehnt und vermeintliche Anhänger zu Antagonisten erklärt. Dies stellt sowohl Forschung als auch Prävention vor neue analytische und praktische Herausforderungen.
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Es stellt sich die Frage: Was genau ist diese phänomenübergreifende Projektionsfläche, die eigentlich zueinander konträr stehende Ideologien vereint? Die Kurzantwort lautet: jüdisches Leben. Dementsprechend ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit Antisemitismus in islamistischen Ideologien zwingend notwendig. Die Forschung beobachtet schon lange, und in den letzten Jahren verstärkt, dass Antisemitismus und antisemitische Verschwörungstheorien häufig als Brückennarrative fungieren, die unterschiedliche islamistische und andere extremistische Szenen miteinander verbinden und koalitionsfähig machen. Insgesamt sehen wir die Aufgabe und Herausforderung der Islamismusforschung darin, ihren grundlagenwissenschaftlichen Ansprüchen weiterhin gerecht zu werden und zugleich offen auf sich verändernde Dynamiken zu reagieren. Dazu gehört, gesellschaftliche Verschiebungen – wie das veränderte Klima seit dem 07. Oktober 2023 und die Verschärfung der politischen Lage seit dem Angriff von USA und Israel auf den Iran – ernst zu nehmen und sie frühzeitig in Forschung, Analyse und Transfer zu integrieren.
Hier steht auch die neue BMFTR-Förderlinie „Islamismus: Auswirkungen, Gegenstrategien und Präventionsmaßnahmen“ in der Verantwortung, die noch im Jahr 2026 starten soll. Forschung muss sich eng an aktuellen phänomenologischen Entwicklungen orientieren. Darüber hinaus muss weiterhin ein stetiger, flexibler und verständlicher Transfer in die jeweiligen zivilgesellschaftlichen, politischen und behördlichen Sphären stattfinden. (lwi)
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RADIS-Sammelband
Der Sammelband „Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung. Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen“ ist bei Springer VS erschienen und präsentiert die Forschungsergebnisse des RADIS-Netzwerks, das von 2020 bis 2025 das Phänomenfeld Islamismus aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchte. Im Fokus stehen Ursachen von Radikalisierung, gesellschaftliche Wechselwirkungen, Präventionsstrategien sowie politische, mediale und zivilgesellschaftliche Diskurse. Die Beiträge bilden zahlreiche Disziplinen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften ab. Damit bietet der Band wertvolle Erkenntnisse für Wissenschaft und Praxis im Bereich Islamismus und Radikalisierung.
Alle 12 Projekte des RADIS-Netzwerks sind im Band mit einem Beitrag vertreten.
Der Band ist als eBook und Softcover verfügbar und wird zurzeit für das internationale Publikum auf Englisch übersetzt.
Außerdem gibt es kostenlose Kurzfassungen des Bands in Deutsch, Arabisch, Englisch, Französisch und Türkisch.
